Engagement Board NFP 82: Forschung und gesellschaftliche Praxis im Dialog

Das NFP 82 hat ein Engagement Board mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Bildung, die Forschung in gesellschaftliche Praxis überführen. Am 12. Mai 2026 trafen sie sich erstmals in Bern.
Fast jede dritte Tier- und Pflanzenart der Schweiz gilt als gefährdet, nahezu jeder zweite Lebensraum steht unter Druck. Mit dieser Ausgangslage eröffnete Markus Fischer, Präsident der Leitungsgruppe des NFP 82, am 12. Mai 2026 die erste Sitzung des Engagement Boards im Haus der Universität in Bern. Fischer skizzierte, warum die Schweiz breit angelegte Forschung braucht: Fast alle Ökosystemleistungen — von der Bestäubung über die Wasserregulierung bis zum Schutz vor Naturgefahren — sind weltweit rückläufig. Den Kurs zu ändern, erfordert gleichzeitig kulturelle, wirtschaftliche, politische und technologische Veränderungen.
Das Engagement Board begleitet das NFP 82 als nicht-wissenschaftliches Beratungsgremium. Es bringt Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Bildung zusammen. Ihr Auftrag: gesellschaftliche Relevanz sichern, Profil und Reichweite des Programms stärken und Netzwerke für die Umsetzung und Skalierung von Forschungserkenntnissen aktivieren.
Wo Biodiversität auf die Praxis trifft
Den Einstieg bildeten zwei Kurzpräsentationen aus dem laufenden Programm. Das Projekt RAVEN (Tobias Schulz, WSL; Norbert Kräuchi, Kanton Aargau) adressiert ein strukturelles Dilemma der Biodiversitätspolitik: Massnahmen für mehr naturnahe Flächen stossen bei Landwirtschaft, Forst und Naturschutz auf grundsätzliche Zustimmung — scheitern aber regelmässig, sobald konkrete Vorhaben anstehen. Fehlende regionale Perspektiven und mangelnder Austausch zwischen Landwirtschaft, Wald und Siedlung führen zu Konflikten. Im Testgebiet Lenzburg Seetal (Kanton Aargau) entwickelt RAVEN einen partizipativen Ansatz: In Interviews, ökologischer Modellierung und Visionierungs-Workshops erarbeiten Landwirtinnen und Landwirte, Försterinnen und Förster sowie Naturschutzfachleute gemeinsam eine räumlich explizite Perspektive auf den Biodiversitätsschutz — ergänzt durch eine digitale Backcasting-Plattform für die Praxis, die vom gewünschten Zukunftszustand aus rückwärts plant.
Das Projekt BERNICE (Thibault Lachat, BFH-HAFL; Regina Weber, SBB) stösst auf einen unerwarteten Widerspruch im Wald: Frühe und späte Entwicklungsstadien sind Hotspots der Artenvielfalt — bieten aber kaum Schutz vor Lawinen, Steinschlag oder Rutschungen. Die optimale Schutzwirkung liegt in den mittleren Stadien, die für viele Waldarten weniger geeignet sind. Die SBB, die rund 1000 Hektar Schutzwald entlang ihres Netzes besitzt und Nutzniesserin von weiteren 7500 Hektar ist, will wissen: Wo lassen sich Biodiversitätsmassnahmen umsetzen, ohne die Schutzfunktion zu gefährden? Gelingt BERNICE der Nachweis tragfähiger Synergien, könnte die SBB — als Betreiberin der grössten Schieneninfrastruktur der Schweiz — rasch zum Vorbild für andere Infrastruktur- und Waldeigentümer sowie für kantonale Behörden werden.
Was die Mitglieder einbringen
Im zweiten Teil des Treffens erkundeten die Mitglieder in einer Contribution-Mapping-Session, welche Netzwerke, Perspektiven und Erwartungen sie einbringen. Es entstand ein dichtes Bild: Von Agrar- und Forstverbänden über kantonale Verwaltungen und Bundesbehörden bis zu städtischen Planungsstellen und parlamentarischen Verbindungen. Quer durch die Beiträge schälte sich eine gemeinsame Leitfrage heraus, die mehrere Mitglieder umtreibt: Wie lassen sich die Werte der Biodiversität und der Ökosystemleistungen überzeugender vermitteln — gegenüber Unternehmen, Kommunen und der Landwirtschaft?
Das NFP 82 befindet sich seit der zweiten Jahreshälfte 2025 in der Forschungsphase. Seinen 15 Projekten — von der Überwachung alpiner Pflanzenvielfalt bis zur Stadtökologie — steht ein Fördervolumen von 11.2 Millionen Franken zur Verfügung. Das Engagement Board wird das Programm über die gesamte Laufzeit bis 2030 begleiten und zweimal jährlich zusammenkommen.
Mitglieder des Engagement Boards NFP 82 (Stand Juni 2026)
Marcel Hänggi, Wissenschaftsjournalist und Buchautor; Mitarbeiter Schweizerische Energie-Stiftung (SES)
Stefan Hasler, Direktor VSA (Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute)
Antoinette Hunziker-Ebneter, Gründungspartnerin und Vizepräsidentin Verwaltungsrat, Forma Futura Invest AG
Matthias Samuel Jauslin, Nationalrat (GLP, Kt. Aargau); Inhaber und Geschäftsführer Jost Wohlen AG
Damian Jerjen, Direktor EspaceSuisse; Professor of Practice D-BAUG ETH Zürich
Bernard Lehmann, Stiftungsratspräsident FiBL Schweiz; Präsident des SCNAT Plattform Science and Policy, emeritierter Vorsitzender HLPE-FSN (UNO-Ausschuss für Welternährungssicherheit); emeritierter Professor Agrarökonomie ETH Zürich
Daphné Rüfenacht, Schweizerischer Städteverband (SSV)
Catherine Strehler-Perrin, Chefin Division Biodiversité et Paysage, Direction générale de l'environnement Kanton Waadt (DGE-BIODIV)
Das Engagement Board wird derzeit weiter ergänzt.